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Forschungswerkstatt '11 :: Programm

Aktualisiert (Mittwoch, den 23. Februar 2011 um 14:28 Uhr) Geschrieben von: TP Mittwoch, den 23. Februar 2011 um 14:11 Uhr

Einen zeitlichen Übersichtsplan findet Ihr als PDF hier.

Abstracts zu den Workshops gibt es gesammelt als PDF hier.

 

Abstracts zu den Beiträgen

 

Samstag, 25.02.2011

 

Entwicklungsvergleich der Provinzen Kahramanmaras (Kartalkaya Baraji) und Batman (Ilisu Baraji), Südosttürkei, unter dem Aspekt der Auswirkungen von Staudamm- und Bewässerungsprojekten

Elif Gökpinar, Universität Bremen, Fachbereich Geographie

 

Vortrag und Diskussion :: Um zu der Nachhaltigkeitsforschung einen Beitrag zu leisten, wurde die Region im überwiegend kurdisch besiedelten Südosten der Türkei und ihre Entwicklung seit den ersten Staudammrealisierungen bzw. den damit zusammenhängenden Bewässerungsprojekten betrachtet. Neben sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren wurden auch ökologische Faktoren beleuchtet, wobei der Fokus auf den agrarischen Aspekten lag.

Ziel der Arbeit war es, die Sozialproblematiken und Umweltgefahren großer Staudamm- und Bewässerungsprojekte in semi-ariden Gebieten zu analysieren. Dies erfolgte beispielhaft anhand des Vergleiches zwischen dem Dorf Köprüagzi-Demirciler[1] in der Provinz Kahramanmaras und dem Dorf Suceken[2] in der Provinz Batman. Außerdem wurde beleuchtet, welche Bewirtschaftungsmethode für die betrachteten Orte am ehesten den Nachhaltigkeitsgedanken erfüllen.

Für die Feldforschung wurden Interviews mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens mit offenen und geschlossenen Fragen durchgeführt. Die Analyse und Interpretation der Interviews fand im Rahmen der Zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring mit der Schwerpunktsetzung auf den quantitativen Aspekten statt. Zudem wurden Ertrags- und Flächendaten ausgewählter Kulturpflanzen des türkischen Statistikamtes ermittelt und Säulen-, Flächen- sowie Tortendiagramme für die Auswertung erstellt.

Die These, dass eine Wassernutzungs- und Agrarpolitik sinnvoller wäre, die sich auf die Verbesserung von traditionellen und ökologisch nachhaltigen Anbaumethoden für den lokalen Konsum konzentriert anstatt auf den Bau von großen Staudamm- und Bewässerungsprojekten für die intensive Produktion für den Export, wird durch die Arbeit bestätigt. Wenn die positive politische und ökonomische Entwicklung Südostanatoliens tatsächlich im Mittelpunkt dieser Projekte steht, sollte von dieser Art der Entwicklungsförderung abgesehen werden.

 

 

Neoliberalisierung der Hochschule

Autor_innenkollektiv Projektseminar, Frankfurt

 

Diskussionsworkshop :: Im Sommersemester 2010 fand am Institut für Humangeographie in Frankfurt/M. ein autonomes Projektseminar statt, welches sich kritisch mit dem Umbau des Hochschulwesens unter neoliberalen Vorzeichen auseinandersetzte. Während die Neoliberalisierung der Hochschulen ein generelles europäisches Phänomen ist, erfährt sie in Frankfurt durch den parallelen Umzug in das ehemalige Hauptquartier der IG Farben (zentral beteiligt an der Organisation und Durchführung der Shoa) eine spezifische lokale Ausprägung.

Wir wollen in dem Workshop einige Ergebnisse des Projektseminars vorstellen und in der Diskussion einen Erfahrungsaustausch mit anderen Orten vorantreiben.

 

 

Zur Analyse politischer Konflikte um städtischen Raum in Hamburg

Moritz Rinn, Universität Hamburg/Hamburger Institut für Sozialforschung

 

Vortrag und Diskussion :: Ich möchte meine analytische Perspektive auf gegenwärtige politische Konflikte um städtischen Raum und Stadtentwicklung in Hamburg zur Diskussion stellen. Stadtentwicklung konzeptionalisiere ich als Produkt von politischen Konflikten zwischen verschiedenen AkteurInnen um die Hervorbringung von städtischem Raum. In meinem Promotionsprojekt geht es zentral um die Frage, wie politische Konflikte um die Hervorbringung städtischer Räume entstehen. Gegenstand meiner Forschung sind Konfliktfälle, die durch Interventionen städtischer sozialer Bewegungen ausgelöst bzw. für die politisch-mediale Öffentlichkeit sichtbar werden.

Mir geht es nun um die Entwicklung einer raumtheoretisch informierten, akteursorientierten und konflikttheoretischen Forschungsperspektive auf Stadtentwicklung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass sich an einem spezifischen Ort verschiedene Räume materialisieren, miteinander artikulieren und konfligieren. Entstehung und Verlauf ausgewählter Konfliktfälle nähere ich mich über die politischen Artikulationen der beteiligten AkteurInnen und arbeite darin die unterschiedlichen Perspektiven auf die umstrittenen Orte heraus. Als deren zentrale Dimensionen nehme ich Konzeptionen von Raum, Rationalitäten der Planung und Produktion dieses Raumes sowie normative Vorstellung über „das (gute) Leben“ in der Stadt an. Diese akteursspezifisch differierenden Raumkonzeptionen, Planungsrationalitäten und Urbanitätsvorstellungen sind beeinflusst durch geschichtlich gewordene Rationalitäten von und Erfahrungen mit Stadtpolitik und Stadtentwicklung. Diese gilt es zu rekonstruieren, um so die politischen Artikulationen und Positionierungen der an Konflikten beteiligten AkteurInnen verstehbar zu machen. Hieran schließt die Frage nach unterschiedlichen Machtpositionen und politisch-diskursiven Strategien, nach Artikulationsstärke und Koalitionsbildungen der AkteurInnen an.

 

 

Kampf um die Straße - Eine Diskurs- und Kräfteverhältnisanalyse der Auseinandersetzungen um eine Göttinger Ortsumgehungsstraße

Juliane Hardege, Svenja Keitzel, Katharina Willim, Bastian Steffens, Michael Mießner

 

Workshop :: Eine Entlastungsstraße im Göttinger Süden (bekannt als „Südspange“) ist immer mal wieder im Fokus der Debatte in Göttingen gewesen. Mit einer Einwohnerbefragung wurde vor knapp einem Jahr der Bau dieser Südspange, durch das südliche Naherholungsgebiet, gestoppt. Vorausgegangen war dieser Bürgerentscheidung eine zum Teil recht heftig geführte Auseinandersetzung zwischen Umweltschützer*Innen, Anwohner*Innen, der Wirtschaftsförderung und vielen mehr. Von den Einen wurde dabei die Verkehrsentlastung und Lärmminderung an den Göttinger Einfallsstraßen zum Argument für den Bau, Andere sahen darin eine Möglichkeit der Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit Göttingens. Wieder Andere waren gegen die Zerschneidung der Kulturlandschaft (oder gar des Ökosystems) im Göttinger Süden. Für Weitere wiederum wäre der Bau der Südspange mit einer Erhöhung der Lärmbelastung einher gegangen. Bleibt bei diesen recht unterschiedlichen und konträren Positionen die Frage: Warum konnten sich die Gegner*Innen der Südspange durchsetzen?

Zur Bearbeitung dieser Frage haben wir uns diskursanalytischer Methoden bedient. Im Anschluss an diese Analyse, haben wir Thesen entwickelt, die unserer Ansicht nach eine Antwort auf die Forschungsfrage geben. Diese wollen wir gerne mit Euch diskutieren.

 

 

Aktuelle Entwicklungen und Kämpfe gegen die EU Migrationspolitik aus

bewegungs(politisch)orientierter Perspektive. Ein Aufruf zum Widerstand!

Sascha

 

Film + Diskussion

 

 

Sonntag, 27.02.2011

 

Neue (Alltags-)Sicherheitspraktiken und deren räumliche Manifestation im Kontext neoliberaler Metropolen – das Beispiel São Paulo

Dominik Haubrich, Kiel

 

Vortrag und Diskussion :: In postmodernen Stadträumen der Region Lateinamerikas kommt es in den letzten beiden Jahrzehnten auf Grund weitreichender quantitativer und qualitativer Veränderungen kommerzieller Sicherheitsdienstleistungen zu einer Privatisierung und Informalisierung der öffentlichen Sicherheitsfürsorge. Nach der Stagnation des Wachstums einzelner Teilsegmente des privatwirtschaftlichen Sicherheitsmarktes nimmt die Nachfrage nach elektronischer Sicherheit in Brasilien seit den 2000er Jahren besonders stark zu. Sicherheitselemente wie elektrische Toranlagen, Elektrozäune, Alarmsysteme und Überwachungskameras im Wohnbereich sind längst Teil einer neuen Architektur São Paulos geworden und ordnen sich ein in den Prozess der Alphavillization. Die flächendeckende Ausbreitung (neuer) Sicherheitspraktiken im privaten Raum – die über die in der lateinamerikanischen Sicherheitsliteratur viel zitierte Oberschicht hinausreicht und vor dem Hintergrund wachsenden Wohlstands durch eine zunehmende Integration der brasilianischen Wirtschaft in den globalen Markt ebenso eine größer werdende Mittelschicht mit einschließt – führt zur Frage nach Folgen und Konsequenzen dieser neuen Quantität und Dimension elektronischer Überwachungs- und Sicherheitspraktiken für die städtische Sicherheitslandschaft bzw. den Stadtraum.

 

 

„Wie viel und welche Normativität benötigt die Kritische Geographie?“

Anika Duveneck

Lektüreworkshop :: Diskussionen um die legitime Reichweite von Kritik bewegten sich bisher – holzschnittartig betrachtet – in der Regel zwischen PoststrukturalistInnen, die universale Wahrheitsansprüche per se ablehnen und MaterialistInnen, die darauf bestehen, „Armut, Ungerechtigkeit und illegitime Herrschaft“ als ultimativ schlecht dingfest machen zu können, statt einfach nur als „anders“ (vgl. Otto et al. 2010).

Andrew Sayer (2009) geht jedoch auch die materialistische Kritik noch nicht weit genug: Eine „strong conception of Critical Social Science“, die ihr kritisches Potenzial voll ausschöpfen will, erfordere, dass normative Positionen explizit dargelegt und offensiv vertreten werden. Otto et al. (2010) insistieren ebenfalls darauf, dass VerfechterInnen Kritischer Positionen theoretisch fundierte, normative Prämissen ausweisen müssen wenn sie den Anspruch verfolgen „bloß defensive Abwehrhaltungen gegenüber dem Abbau sozialstaatlicher Leistungen zu überwinden“ und bei ihrer Kritik am neoliberalen Marktradikalismus „nicht allein auf moralische Empörung über wachsende Ungleichheiten und zunehmende Armut und Ausgrenzung setzen“ (ebenda: 114) wollen.

Diese Auseinandersetzung soll für die (deutschsprachige) Kritische Geographie diskutiert werden: Kann eine Normativitäts-Debatte die eigenen Positionen stärken, ist sie unnötig oder gar kontraproduktiv? Wenn ja, wofür kann und soll Kritik eintreten? Inwiefern eignen sich Gleichheit, die Vermeidung von Einschränkungen, Freiheit und Autonomie, subjektives Glück, well-being oder human flourishing als Bezüge für einen normativen Referenzrahmen, inwiefern sind die Konzepte problematisch?

 

Diskussionsgrundlagen (in Auszügen) (werden als Kopie bereitgestellt)

- Otto, H.U; Scherr, A. & H. Ziegler (2010): Wieviel und welche Normativität benötigt die

soziale Arbeit? In: Neue Praxis 2: 137-163.

- Sayer, A. (2009): Who’s afraid of critical science? In: Current Sociology 57: 767-786.

 

 

 

 



[1] Es wurde entschieden, die türkischen Namen der Dörfer zu benutzen, um eine weitere Recherche sowie eine Orientierung in „google maps“ für die Leser_innen zu erleichtern. Der kurdische Name des Dorfes Köprüagzi-Demiciler lautet Damicion Dawipire.

[2] Der kurdische Name des Dorfes lautet Sigefta.